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Stilisierte Ansicht von Joseph Schumpeter

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  • Ehrung von Absolventin der Schumpeter School
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August 2018
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Zur Person Schumpeter

Wer war Joseph Schumpeter, der einerseits von Höhenflügen und andererseits von Versagensängsten geplagte Exzentriker? Es ist viel über solche den Menschen Schumpeter anbetreffende Fragen geforscht und geschrieben worden. Als Joseph vier Jahre alt war, verstarb der Vater und die Mutter setzte fortan alles daran, dem einzigen Kind eine große Zukunft zu ermöglichen. Sie heiratete 1893 einen Feldmarschallleutnant der deutsch-österreichischen Armee, mit dem die Familie nach Wien übersiedelte und der Joseph im gleichen Jahr die Aufnahme ins Theresianum, der österreichischen Eliteschule für den Nachwuchs der höheren Kreise, ermöglichte. Bereits während seines Studiums galt Schumpeter als ehrgeizig, arrogant, egozentrisch, undurchsichtig. Im Anschluss an das Studium der Rechtswissenschaften unternahm  Schumperter Reisen, auf denen er nicht nur wissenschaftliche Studien betrieb, sondern sich auch auf  Empfängen bewegte und Hobbies wie dem Reiten und der Jagd nachging. In England heiratete er Gladys Ricarde Seavers, die Tochter eines hohen Würdenträgers der Church of England, aber bereits einige Monate nach der Eheschließung ließen sich beide auf außereheliche Beziehungen ein. Schumpeters Hang zum in jeglicher Hinsicht aufwändigen Lebensstil zwang ihn u.a., in den Jahren 1907-1908 eine Stellung in einer Anwaltskanzlei in Kairo anzunehmen. In Czernowitz brüskierte er die Kollegen durch unangemessene Auftritte bei Sitzungen, indem er etwa in Reitstiefeln erschien und Kollegen durch abfällige Kommentare provozierte. Nicht zuletzt wegen seines Rufs als Lebemann wehrte sich die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Graz gegen die Berufung Schumpeters, jedoch vergeblich. Aufgrund exzellenter Beziehungen zum Kaiserhof wurde er „Zufolge Allerhöchster Entschließung“ im Oktober 1911 zum Ordinarius ernannt.

Schumpeter füllte das Hochschullehrerdasein nicht aus. Er strebte nach politischem Einfluss, verhielt sich aber sehr wechselhaft und zuweilen opportunistisch. So kritisierte er als selbsternannter Berater des Kaisers vehement das Zollbündnis zwischen Österreich und Deutschland, darin die Gefahr der Entmündigung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und das Ende Österreichs beschwörend, trat für die Monarchie und ein konservatives politisches System ein, wurde aber Anfang 1919 Mitglied der deutschen Sozialisierungskommission, in der er als vehementer Befürworter einer sofortigen und allumfassenden Sozialisierung auftrat. 1919, auf Vorschlag von Otto Bauer, dem langjährigen stellvertretenden Vorsitzenden der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und Außenminister der neu gegründeten österreichischen Republik sowie ehemaligem Studienfreund, wurde Schumpeter zum Finanzminister ernannt. Bereits kurz nach seiner Ernennung titulierte ihn die Tagespresse beispielsweise als „Inhaber  dreier Seelen“: einer liberalen, einer konservativen und einer linken. Der große Literat Karl Kraus bezeichnete Schumpeter als einen "Austauschprofessor seiner Überzeugungen", der "mehr Gesinnungen hatte, als zum Vorwärtskommen nötig waren".

Nach seiner Entlassung als Finanzminister lehrte Schumpeter ab Sommer 1920 wieder in Graz. Im März 1921 nahm er dankbar das Angebot der Biedermeier Bank an, das Amt des Vorstandsvorsitzenden zu übernehmen und beantragte an der Universität zunächst seine Beurlaubung auf ein Jahr und einige Zeit später die endgültige Befreiung von seinen Dienstpflichten. Schumpeter hatte nach seiner Entlassung als Finanzminister das Recht der Vergabe einer Bankenkonzession erhalten, wie sie die Biedermann Bank, ein altes Familienunternehmen, im Rahmen der Umwandlung in eine öffentliche Gesellschaft benötigte. So erhielt die Bank die Konzession und Schumpeter wurde ihr Vorstandsvorsitzender, der mit dem täglichen Geschäftsleben nichts zu tun hatte. Diese äußert lukrativ dotierte Tätigkeit endete 1925 mit dem Bankrott der Bank, in der Schumpeter nicht nur sein Vermögen verlor, sondern auch über weitere Jahre Schulden zu tilgen hatte, weshalb er bis 1935 zur Aufnahme zahlreicher bezahlter Vortragstätigkeiten und Auftragspublikationen gezwungen war. Hier mag seine Ablehnung dieser Form der bezahlten Tätigkeiten begründet liegen, in der er nichts anderes als eine Form der Prostitution zu sehen vermochte.

Einen schweren persönlichen Schock erlitt Schumpeter im Juni 1926, als seine Mutter starb. Etwa sechs Wochen später verstarb seine zweite Frau, die er erst im Oktober 1925 geheiratet hatte, bei der Geburt des Sohnes. Das Kind überlebte die Geburt nur wenige Stunden. Von diesen Erlebnissen sollte sich Schumpeter Zeit seines Lebens nicht mehr erholen. Diese tragischen Ereignisse scheinen Schumpeter verändert zu haben. Immer wieder findet man Äußerungen des Bedauerns über Fehlentscheidungen und das Verfolgen falscher Ziele in früheren Jahren.

Nachdem er sich mehrfach vergebens um einen Lehrstuhl an der Universität Berlin beworben hatte, nahm Schumpeter 1932 den Ruf der Harvard University an und verließ Deutschland für immer. In Amerika erwarb sich „Schumpy“ nicht nur den Ruf als brillanter Wirtschaftswissenschaftler, sondern ebenso als Showman, Snob, Dandy und Schürzenjäger, der drei Gruppen von Studierenden grundsätzlich die beste Note gebe: Strebern, Frauen und allen anderen. Anscheinend gefiel sich Schumpeter in dieser Rolle und trug durch entsprechende Äußerungen zu diesem Ruf bei.

1937 heiratete der gesundheitlich angeschlagene Schumpeter in dritter Ehe Romaine Elizabeth Boody, eine Ökonomin, die am Radcliffe College 1920 das erste summa cum laude in den Wirtschaftswissenschaften errang, das dort je vergeben wurde. Elisabeth hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, Schumpeter ein komfortables und störungsfreies Arbeitsleben zu ermöglichen. Sie umhegte ihn als Chauffeurin, Forschungsassistentin und Haushälterin in einem und sie war es auch, die vier Jahre nach seinem Tode, 1954, sein Opus magnum „History of Economic Analyses“ herausgab.

Schumpeter wollte der führende Ökonom weltweit sein und litt darunter, im Schatten von John Maynard Keynes zu stehen. Seinem groß angelegten Plan, ein grundlegendes Werk zur Geldtheorie zu schreiben, kam John Maynard Keynes bereits 1930 mit der Veröffentlichung von „A Treatise on Money“ zuvor, was Schumpeter als Demütigung empfand. Ähnlich ging es ihm später, 1936, mit dem Erscheinen von Keynes‘ „General Theory“. Viele von Schumpeters Studenten, so auch sein bester Schüler, Paul A. Samuelson, basierten eigene Aussagen auf dem keynesianischen Theoriegebäude. Schumpeter war verletzt. Eine weitere Enttäuschung musste Schumpeter hinnehmen, als das 1939 veröffentlichte zweibändige Werk „Business Cycles“ nicht die erwünschte Akzeptanz erfuhr, in den Augen führender Volkswirte hinter Keynes‘ „General Theory of Employment, Interest, and Money“ zurückblieb und von Simon Kuznets gar einer vernichtenden Kritik im American Economic Review unterzogen wurde. Gleichwohl setzte sich Schumpeter mit aller Kraft für die Wirtschaftstheorie ein und war sich eigener Schwächen durchaus bewusst. Nicht Mathematiker genug, um mathematische Methoden in seinen eigenen Schriften zu verwenden, setzte er sich doch unablässig für ihren Einsatz in der Wirtschaftstheorie ein, plädierte aber gleichzeitig dafür, keineswegs die Bedeutung der Arbeit anderer Disziplinen für die Wirtschaftstheorie, wie Geschichtswissenschaft, Ethnologie und Soziologie, minder zu schätzen.

In den vierziger Jahren dominierten Unzufriedenheit, Melancholie, Depressionen, Todesängste Schumpeters Gemütsverfassung, viele seiner Äußerungen nahmen düstere und feindselige Züge an. Die Trauer um seine lange verstorbene Mutter und zweite Frau erreichten die Form eines Heiligenkultes. Die eigene Lehre konnte nicht erfolgreich wie die von Keynes vertreten werden, die Studierenden gewannen den Eindruck, dass seine Zeit vorbei war. Mit der zunehmenden Hinwendung zur historischen Methode stieß er bei den Kollegen auf vermehrte Ablehnung, denen er seinerseits Engstirnigkeit vorwarf und sich distanzierte. Unstimmigkeiten in Berufungsfragen und andere Ereignisse ließen Schumpeter das Leben unerträglich erscheinen, zusätzlich drückte der Zweite Weltkrieg seine Stimmung. Zwar war er sich darüber bewusst, ein bekannter Ökonom zu sein, doch hielt er sich für einen Versager, für einflusslos, unfähig zu führen. Hinzu kam zunehmende persönliche und politische Isolation, nicht zuletzt wegen antisemitischer und rassistischer Äußerungen. Insgesamt aber ist wohl den berühmten Schumpeter-Schülern Kenneth Galbraith und Paul Samuelson zuzustimmen, die ihn weder als antisemitisch noch rassistisch einschätzen, sondern lediglich von unbedachten Äußerungen in Zuständen emotionaler Schwäche und Depression ausgehen. Nach dem Krieg besserte sich Schumpeters Stimmung, doch bis zu seinem Tode fühlte er sich einsam, isoliert und unglücklich.

Schumpeters eigene kritische und emotional eingetrübte Einschätzung bezüglich seiner Person aber täuschte. Er wurde zu Lebzeiten und bis heute als einer der größten Wirtschaftstheoretiker anerkannt.

 

© Schumpeter School of Business and Economics 2008